Manfred Thaller

Brücken schlagen oder zerschlagen?
Das Fach Historisch-Kulturwissenschaftliche Fachinformatik an der Universität zu Köln

Universität zu Köln
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Die Universität zu Köln bietet seit einigen Jahren die Möglichkeit ein Fach "Informationsverarbeitung" zu studieren. Innerhalb dessen sind zwei Spezialisierungen möglich: Eine "Sprachliche Informationsverarbeitung", die relativ nahe am Konzept der Computerlinguistik orientiert ist, einer Disziplin die selbst in Deutschland ja in einer Reihe von Varianten existiert, die zu einer etwas unübersichtlichen Nomenklatur geführt haben.

Höchst ungewöhnlich dagegen ist die zwei Spezialisierung, die der Vortragende repräsentiert, die "Historisch-Kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung". Höchst ungewöhnlich in zweierlei Hinsicht: Die Universität zu Köln versteht darunter ein abgeschlossenes akademisches Fach, das auf allen Ebenen studiert werden kann: Von der Zwischenprüfung bis zum Doktorat. Als eigenständiges akademisches Fach, genauso wie Germanistik, Geschichte oder andere eingeführte Fächer - nicht als Zusatzstudium, Aufbaukurs oder als abgetrenntes Einjahresprogramm.

Ziemlich ungewöhnlich, andererseits, da das Fach sich an der Vorstellung einer "Geisteswissenschaftlichen Fachinformatik" orientiert, mit dem Anspruch, dass die AbsolventInnen denen eines regulären Informatikstudiums mindestens so nahe stehen, und ihm in manchen Punkten näher sind, als die anderer angewandter Informatiken, wie der Wirtschafts- oder Rechtsinformatik oder den im Kontext medizinischer Fakultäten angebotenen einschlägigen Studiengängen.

Nicht einzigartig: Parallellen zu anderen Konzepten existieren, zu dem der Humanistisk Informatikk an der Universität Bergen, zur Historischen Fachinformatik an der Universität Graz, zu Groningens Alfa-Informatica oder Tito Orlandis Informatica applicata alle scienze umane. Sehr grundlegende Unterschiede existieren dagegen zum Konzept des Humanities Computing, wie es von einer ganzen Reihe britischer Universitäten realisiert wird, z.B. durch das Humanities Advanced Technology and Information Institute der Universität Glasgow.

Während derzeit ein Magisterstudium, das zur Promotion weiterführen kann, angeboten wird, bereitet die Universität derzeit auch ein Diplomstudium Medienwissenschaften vor, innerhalb dessen es ein Fach Medieninformatik geben wird, das ähnliche Inhalte, jedoch sehr gezielt praxisbezogen und berufsbildend anbieten wird.

Der zentrale Unterschied zwischen dem Kölner Konzept und dem des Humanities Computing, ist natürlich der zwischen Informatik und der Fähigkeit mit Anwendungsprogrammen umzugehen. Aus der Sicht der StudentInnen schlägt sich dies vor allem in relativ hohen Anforderungen in Grundlagenkenntnissen über Algorithmen, Datenstrukturen, technischen Konzepten und allgemeinen IT Kenntnissen nieder: Einer ziemlich intensiven Ausbildung in Höheren Programmiersprachen, mit dem Ziel die AbsolventInnen in die Lage zu versetzen nichttriviale Softwaresysteme zu realisieren; einer relativ intensiven Beschäftigung mit XML, nicht nur als Vehikel zur Formulierung einer DTD, sondern als generellem Werkzeug zur Repräsentation von Daten, die nicht nur einer DTD folgen, sondern von der von den StudentInnen geschriebenen Software auch wirklich verarbeitet werden können.

Auf der intellektuellen Ebene sind die Unterschiede noch wesentlich grundsätzlicher. Während das Konzept des Humanities Computing üblicherweise annimmt, dass die Geisteswissenschaften im Wesentlichen Werkzeuge und Konzepte anwenden, die andere entwickelt haben, geht die Kölner Vorstellung dahin, dass Information, wie sie in den Geisteswissenschaften verwendet wird, Eigenschaften hat, die aus der Warte einer allgemeinen Informatik so exotisch, speziell oder peripher sind, dass sie aus deren eingeschränkter Sicht nicht verdienen genauer studiert zu werden; genauso wenig, wie sie jene Probleme berücksichtigt, die zur Gründung eigenständiger Wirtschaftsinformatiken geführt haben. Sind die Probleme der BWL, die nach herkömmlichem (Miss)verständnis des Wesens der Informatik dieser doch sehr viel näher stehen müssten, so exotisch, dass sie eine eigene Spezialisierung erfordern, wie viel mehr muss das dann für Disziplinen der Fall sein, die nach dem herkömmlichen (Miss)verständnis der Informatik so fern stehen, wie die Geisteswissenschaften? Dass diese relative Nähe und Ferne auf Missverständnissen beruht - Informatik ist nicht die Lehre von der numerischen Berechnung, sondern die von der Repräsentation von Information und der Verarbeitung dieser Repräsentationsformen - ändert an diesem Argument nichts. Dass dies ein Missverständnis ist, begründet den Anspruch auf eine eigene geisteswissenschaftliche Fachinformatik vielmehr. Schließlich haben die Geisteswissenschaften eine erheblich längere Erfahrung im Umgang mit komplexen, unscharfen und vagen Informationen, deren Relevanz für die Orientierung in der oft beklagten "Informationsschwemme" viel gößer ist, als die Eleganz der selbst generierten Informationskonstrukte der naturwissenschaftlichen Disziplinen. Dass die geisteswissenschaftlichen Disziplinen insgesamt derzeit zu ängstlich sind, diese ihre strategische Relevanz für die Bewältigung der Probleme der Informationsgesellschaft angemessen einzuklagen, kann der bekennende geisteswissenschaftliche Fachinformatiker nur diagnostizieren; zuzustimmen braucht er dieser Furchtsamkeit nicht.

Während der Vortrag zunächst das Kölner Konzept detaillierter vorstellen wird, setzt er mit einem Vorschlag fort, wie das Verhältnis zwischen Informatik und Geisteswissenschaften als ein Kontinuum gesehen werden kann, innerhalb dessen es mindestens drei Ebenen interdisziplinärer Studiengänge geben kann, die unabhängig voneinander diskutiert werden sollten um gegen keine davon ungerecht zu sein.

Wir werden von enthaltenen (oder impliziten) Studiengängen sprechen, wenn eine Universität oder Fakultät die Möglichkeit diskutiert, IT Handfertigkeiten in das Lehrangebot eines Faches zu integrieren, ohne dass diese Techniken zum Gegenstand akademischer Debatte werden.

Die am häufigsten diskutierte Art von Studiengang war in letzter Zeit vermutlich eine, in der IT Kenntnisse als selbständiges Ziel vermittelt werden sollten, üblicherweise um die anschließenden Beschäftigungschancen zu verbessern. Der Unterschied zwischen diesen beiden Ansätzen besteht darin, dass implizite Studiengänge Fähigkeiten vermitteln, die ganz gezielt auf den Einsatz in den Einzeldisziplinen abgestellt sind, während das jetzt diskutierte Modell ein breiteres Bild von Informationstechnologien anbieten will, die explizit auch als außerhalb des traditionellen Studienbereichs anwendbar vermittelt werden. Diesen Typ von Studiengang nennen wir explizit.

Schließlich gibt es Versuche, Studiengänge zu definieren, die analog zum Konzept einer Computerlinguistik, die Fähigkeit vermitteln wollen, neue Arten von IT Lösungen zu definieren (und möglichst auch zu realisieren), die aus einer Doppelqualifikation abgeleitet werden: Einem gründlichen Verständnis der fachlichen Anforderungen historischer Forschung einer- und der Informatik andererseits. Solche Studiengänge nennen wir interdisziplinär.

Gründliche LeserInnen haben möglicherweise bemerkt, dass im letzten Absatz nicht mehr von den Geisteswissenschaften, sondern der Geschichte die Rede war. Einzelne LeserInnen erkennen vielleicht, dass dies daher rührt, weil die letzten drei Absätze, teilweise wörtlich, aus einem Text zitiert sind, den der Vortragende 1993 als Einleitung zu einem dünnen Bändchen über die Möglichkeit eines europäischen Kerncurriculums "History and Computing" geschrieben hat.

Mit Reflektionen über die Gründe, warum die letzten drei Wellen von Versuchen Studiengänge und -abschlüsse zu etablieren, die geisteswissenschaftliche und IT Kenntnisse verbinden, so erstaunlich wenig Spuren hinterlassen haben, dass sich der Vortragende berechtigt glaubte, diese Argumente nach zehn Jahren zu wiederholen, beenden den Vortrag.


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