Angeregt durch das anstehende 600-jährige Jubiläum der Universität Leipzig entstand der Wunsch, die Studierenden auch in grundständigen sprachwissenschaftlichen Seminaren zu einer Auseinandersetzung mit der historischen Bedeutung der Universität Leipzig anzuregen und ihnen damit die Möglichkeit zu bieten, sich zu verorten und sich mit ihrer Universität zu identifizieren.

Hierfür bot sich die Beschäftigung mit der Leipziger Schule der Junggrammatiker geradezu an, hatte sie doch mit ihrer Hinwendung zum sprechenden Menschen die Universität Leipzig im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der Sprachwissenschaft gemacht, weit über die Grenzen Leipzigs und Deutschlands hinaus gewirkt und die romanistische Sprachwissenschaft maßgeblich beeinflusst.

Zudem schien das Leitbild der Universität Leipzig Aus Tradition Grenzen überschreiten nicht nur geradezu nach einer Beschäftigung mit dieser Schule, die durch Grenzüberschreitungen wichtige Anstöße zum Neudenken gegeben hatte, zu verlangen, sondern auch nach einem aus der Tradition der Geisteswissenschaften heraus Grenzen überschreitenden interdisziplinären Projekt, das zugleich ein Bewusstsein für das Potential einer Integration von Geisteswissenschaften und Informationstechnologien schafft.

Ausgehend von den sechs sich überschneidenden Prinzipien, die Hans Helmut Christmann in seinem 1978 in der Zeitschrift für Romanische Philologie erschienenen Artikel Gesprochene Sprache von heute oder alte Sprachstufen als 'wahrer' Gegenstand der Linguistik? bei den Junggrammatikern und ihren Geistesverwandten als angedeutet festgestellt hat, nämlich:

1. Erhellung der Sprachgeschichte und der alten Sprachstufen durch die neuen und neuesten.

2. Lokalisierung des eigentlichen, "wahren" Sprachlebens in der Sprache des Volkes.

3. Detaillierte Untersuchung der Sprache von heute einschließlich der Umgangssprache.

4. Detaillierte Untersuchung der modernen Mundarten.

5. Primat der Aussprache gegenüber der Schrift.

6. Konsequenzen für die neuphilologische Universitätsausbildung und für den fremdsprachlichen Schulunterricht.

wurde im Sommersemester 2007 ein erstes Hauptseminar zu "Die Junggrammatiker und die romanistische Sprachwissenschaft" angeboten, in dem zunächst die Konturen des Projekts erarbeitet wurden. Im Wintersemester 2007 / 08 haben wir uns dann auf die Hinwendung der Junggrammatiker zur aktuell gesprochenen Sprache des Volkes und auf die Auswirkung dieser "Wende" auf die romanistische Sprachwissenschaft konzentriert, bevor wir im Sommersemester 2008 den Fokus auf die maßgeblich durch diese "Wende" geförderte Entstehung der Sprachgeographie gerichtet haben. Im Wintersemester 2008 / 09 stand zuletzt die romanistische Sprachgeographie und die derzeitige Digitalisierung der Ende des 19. Jahrhunderts / Anfang des 20. Jahrhunderts in Folge der junggrammatischen Forderung, die von realen Menschen produzierten Sprachen und nicht theoretische Konstrukte zu untersuchen, entstandenen Sprachatlanten im Zentrum unserer Auseinandersetzung mit den Junggrammatikern und ihrem Einfluss auf die romanistische Sprachwissenschaft.