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SILFI 2000:
Tagungsbericht


VI Internationaler Kongress
Gerhard-Mercator-Universität Duisburg
 
       

 

 

Dass die Diskussionen um Green Card und Informatikermangel etwas Essentielles vergessen, das hat der VI. Internationale Kongress der Società Internazionale di Linguistica e Filologia Italiana (SILFI), der unter der Schirmherrschaft der italienischen Botschaft (Berlin) vom 28.06.-02.07.2000 an der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg stattgefunden hat, auf beeindruckende Weise gezeigt.1 Auf diesem Kongress wurde nämlich gerade von Vertreterinnen und Vertretern der Informations- und Kommunikationsindustrien hervorgehoben, dass ein Wandel, der nur auf die neuen Technologien setzt und die zu transportierenden Inhalte vergisst, die europäischen Industrien auf den Weltmärkten verlieren lässt und sie deshalb ein großes Interesse daran haben, Inhalte und Technologien miteinander zu intregrieren. Um dieses Ziel erreichen zu können, brauchen sie aber dringend Personen, die gerade nicht nur Kenntnisse in Informatik, sondern vor allem vertiefte Kenntnisse von den Inhalten, d.h. von Texten, Sprache und Kultur haben. Deshalb suchen sie händeringend nach Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, die etwas von den neuen Technologien verstehen und sinnvoll mit ihnen umgehen können. Umso befremdender fanden es deshalb gerade die Vertreter und Vertreterinnen der informationstechnologisch orientierten Projekte und der IT-Industrie, dass an einer Universität wie der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg, die eine verstärkte Konzentration auf die neuen Technologien plant, gerade die Italianistik, die seit Jahren bestrebt ist, bei der Bildung und Ausbildung ihrer ca. 160 Studierenden traditionelle Inhalte mit der Nutzung der Informationstechnologien zu verbinden, geschlossen werden soll.2

Dass ein Kongress der italienischen Linguistik und Philologie sich ausdrücklich mit Fragen der Informationstechnologien (IT) und ihrer Bedeutung für die wissenschaftliche Forschung befasst, ist weltweit ein Novum. Dahinter steht ein mit dem Motto des Kongresses ins Leben gerufenes Experiment, das von der DFG, dem Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung NRW, der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg, der Duisburger Universitätsgesellschaft, der Stadt Duisburg, dem italienischen Kulturinstitut in Köln, der Alexander von Humboldt Stiftung und einer Reihe von privaten Sponsoren gefördert wurde. Unter dem Motto Tradition & Innovation - Die italienische Linguistik und Philologie am Beginn eines neuen Millenniums wurde nämlich der Versuch unternommen, die ganze Vielfalt der in den traditionellen Ansätzen der italienischen Linguistik und Philologie existierenden Fragestellungen und das von ihnen akkumulierte Wissen mit den primär auf die Nutzbarmachung der Informationstechnologien (IT) für die Bewahrung, Verbreitung und Bearbeitung der italienischen Sprache und Kultur gerichteten Projekten sowie mit Initiativen zu verknüpfen, die neue Wege der Integration von Wissenschaft und Gesellschaft gehen.

Dass diese Zielsetzung einem in der scientific community zumindest latent vorhandenen Bedürfnis entsprach, lässt sich nicht allein an den über 150 Abstracts ablesen, die dem internationalen Programmkommittee zur Evaluierung vorgelegt wurden, sondern auch an der großen Zahl von international bekannten Kapazitäten aus den drei genannten Bereichen, die dem Kongressaufruf folgte bzw. für eine aktive Mitarbeit gewonnen werden konnte. Ihnen und den etwa 120 realisierten Beiträgen, Podiumsdiskussionen, Vorführungen und Poster von generell sehr hohem Niveau ist es schließlich zu verdanken, dass das Kongressziel erreicht werden konnte.

An dem mit mehr als 250 Personen aus 18 Ländern der Welt (Australien, Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Israel, Italien, Jugoslawien, Kroatien, Holland, Polen, Russland, die Schweiz, Slowenien, Spanien und Vereinigte Staaten) überaus gut besuchten Kongress nahmen nämlich nicht wie traditionell üblich allein Vertreterinnen und Vertreter der italienischen Linguistik und Philologie teil. Stattdessen waren dort zum einen mit SYNTHEMA, einem 1993 von Informatikern des IBM Research Center in Pisa gegründeten und im Bereich der Informationstechnologien operierenden Unternehmen, und CSELT, dem Centro Studi e Laboratori Telecomunicazioni der Telecom Italia auch die Teile der italienischen IT-Industrie zugegen, die gemeinsam mit auf die Nutzung der Informationstechnologien ausgerichteten universitären Forschungszentren, wie dem von der italienischen Forschungsgemeinschaft (CNR) geförderten und von Antonio Zampolli geleiteten Istituto di Linguistica Computazionale ILC-CNR in Pisa und dem Centro Interdipartimentale di Ricerca per l'Analisi e la Sintesi de Segnali CIRASS von Francesco Albano Leoni in Neapel, Projekte zur automatischen Verarbeitung des Italienischen tragen, denen von höchster ministerieller Ebene nationale Bedeutung zuerkannt wird (cf. Due programmi di interesse nazionale per il trattamento automatico dell'italiano). Zum anderen präsentierten die im Bereich der Digitalisierung italienischer Texte und Kultur wichtigsten akademischen und universitären Zentren Italiens einem überaus interessierten Publikum ihre Online-Archive sowie die damit gegebenen Analyse- und Datenerhebungsmöglichkeiten, d.h. das vom CNR geförderte Centro Studi Opera del Vocabolario Italiano (OVI) aus Florenz stellte den Tesoro della Lingua Italiana delle Origini vor, das Centro Ricerche Informatica e Letteratura (CRILet) der römischen Universität “La Sapienza” das Projekt Testi Italiani in Linea und das Centro Interfacoltà Biblioteca Italiana Telematica (CIBIT) der Universität Pisa die sich in Arbeit befindende Biblioteca Italiana Telematica. Was die dritte Komponente der Zielsetzung betrifft, so konnte diese v.a. dank der aktiven Mitarbeit von Institutionen und Projekten realisiert werden, die es sich wie das in Bellinzona angesiedelte Osservatorio linguistico della Svizzera italiana und das von der Universität Padua ausgehende und sich v.a. mit der Sprachsituation in Sappada/Plodn befassende Projekt Università e Territorio zum Ziel setzen, die wissenschaftliche Forschung, ihre Fragestellungen und Erkenntnisse aus dem Elfenbeinturm zu holen und verantwortungsbewusst an die Gesellschaft zu binden und die damit gerade auch der in nicht-Italienisch sprechenden Ländern angesiedelten italienischen Linguistik und Philologie, die wie andere Disziplinen auch derzeit immer mehr unter einen Regionalisierungsdruck gerät, innovative Perspektiven aufzeigen können.

Zudem bewahrheitete sich, dass für die genannte Zielsetzung des Kongresses das monographische Thema L'italiano parlato, in das Rosanna Sornicola im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung mit einem überaus fundierten und eine ganzheitliche Perspektive einnehmenden akademischen Festvortrag mit dem Titel Italiano parlato, dialetto parlato, parlato einführte, ein besonders guter Ausgangspunkt war. So zeigte schon allein die Vielzahl von Beiträgen, die in den unterschiedlichen thematischen Sektionen dem italiano parlato gewidmet waren, dass dieser Forschungsgegenstand nicht nur die verschiedensten traditionellen Bereiche der italienischen Linguistik und Philologie (Parlato - Scritto, Storia della lingua, Geolinguistica, Linguistica del testo, Lessicografia plurilingue, Linguistica contrastiva, Italiano parlato in testi scritti) tangiert, sondern derzeit auch eine Ausweitung mit Blick auf die Ton- und Bildmedien (Film, Corpora - Media parlati) sowie die sich im Zuge der technologischen Entwicklung herausbildenden neuen Kommunikationsformen (L'italiano parlato & nuove tecnologie) erfährt und dass ihm nicht zuletzt auch die Funktion einer Schnittstelle zukommt, wenn es um die Integration von Wissenschaft und Gesellschaft geht (Lingua & Genere, L'italiano nell'emigrazione).

Darüber hinaus erbrachte die drei volle Tage in Anspruch nehmende Arbeit in der spezifisch dem italiano parlato gewidmeten Sektion (Linguistica di corpora - Italiano parlato) ausdrücklich den Beweis dafür, dass gerade die aktuelle Beschäftigung mit dem spontan gesprochenen Italienisch ein gutes Beispiel für eine fruchtbare Verbindung von Tradition und Innovation bietet und die Integrierung von in der Folge der Informationstechnologien entwickelten Methodologien3 in die wissenschaftliche Erforschung nicht nur eine kritische Überprüfung des auf traditionelle Art und Weise erschlossenen Wissens, sondern auch ganz neue Fragestellungen und Erkenntnisse erlaubt. Von besonderer Bedeutung war in diesem Zusammenhang, dass es gelungen war, in der allgemein der Oralità und spezifisch elektronischen Korpora spontan gesprochener Sprache vorbehaltenen Plenarsitzung die Grenzen der Objektsprache zu verlassen und im Sinne eines Austausches von sich bei der Korpuserstellung generell ergebenden Fragen nicht nur Vertreterinnen und Vertreter von italienischen Korpora und Korpusprojekten, sondern auch von dem Englischen, Französischen und Spanischen gewidmeten Projekten für eine aktive Mitarbeit zu gewinnen.

Das Ziel, Tradition und Innovation zu verbinden, wurde aber nicht nur im Bereich des parlato erreicht. Stattdessen bereicherten Beiträge zu Internet- (Varianti Digitali) und Korpusprojekten (ItalAnt) sowie zu elektronischen Versionen historischer Wörterbücher (Accademia della Crusca) und Datenbanken (LESMU) u.a. auch Sektionen wie Lingua & Letteratura, Lessicografia, Storia della lingua (Siciliano, Italiano antico) und Grammatica - Sintassi - Semantica. Zudem wurde durch die täglichen Plenarsitzungen, die Podiumsdiskussion zur automatischen Bearbeitung des Italienischen und die für Vorführungen von elektronischen Projekten und für Poster eingerichtete Sektion sichergestellt, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer und damit auch diejenigen, die an Sektionen wie etwa Fonetica - Fonologia (prospettiva diacronica), Italiano L2, Pragmatica und Storia della lingua - Dialetti antichi mitwirkten, wo die Entwicklungen im Bereich der Informationstechnologien oder die Problematik Wissenschaft und Gesellschaft nicht zum Tragen kamen, Gelegenheit hatten, mit den traditionell auf Kongressen der italienischen Linguistik und Philologie nicht vertretenen, für die Zielsetzung des Duisburger Kongresses aber zentralen Projekten und Ansätzen in Kontakt zu kommen.

Wie die Reaktionen der Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer zeigten, wirkte der Kongress für alle drei auf dem Kongress vertretenen Seiten wie ein lange überfälliger "Befreiungsschlag", ermöglichte er doch zum ersten Mal unvoreingenommen vertiefte Einblicke in traditionelle und innovative Ansätze und Beschäftigungsfelder und eröffnete konkrete Perspektiven für eine fruchtbringende Zusammenarbeit der bisher voneinander getrennt agierenden Zweige. Damit hat der Kongress einen maßgeblichen Beitrag geleistet zur Überwindung der bisher zwischen den technologisch bzw. an der Gesellschaft orientierten Ansätzen und den linguistisch-philologischen Bereichen bestehenden Kluft, die sich mit Blick auf die neue Wege der Integration von Wissenschaft und Gesellschaft beschreitenden Initiativen darin manifestierte, dass sie trotz ihrer Relevanz für eine eventuelle Neuorientierung der italienischen Linguistik und Philologie, ausserhalb des italienischen Sprachraums fast überhaupt nicht rezipiert wurden. Was die dem Italienischen gewidmeten elektronischen Projekte angeht, so waren sie bisher gerade nicht Gegenstand von Kongressen der italienischen Linguistik und Philologie, sondern wurden allein auf solchen Kongressen diskutiert, die sich auf internationaler Ebene spezifisch den elektronischen Medien, der Digitalisierung des kulturellen Erbes oder den im Bereich der Korpuserstellung und der Sprachdatenverarbeitung angesiedelten Fragestellungen widmeten. Obwohl gerade die auf dem Kongress anwesenden technologisch bzw. informatisch ausgerichteten Zweige damit seit langem gut in die internationale Entwicklung eingebunden sind und auf internationaler Ebene am wissenschaftlichen Austausch teilnehmen, so zeigten doch gerade die von ihrer Seite kommenden überaus positiven Reaktionen auf das Gelingen des Experiments, dass das große wissenschaftliche Prestige, das sie auf dieser Ebene genießen, nicht die negativen Folgen ausgleicht, die eine totale Abkopplung von den traditionellen Philologien allgemein und der italienischen Linguistik und Philologie im Besonderen impliziert. Diese hatte ja schließlich dazu geführt, dass sie sich bisher nicht nur den Zugriff auf das durch die traditionellen Ansätze erarbeitete Wissen verwehrten, sondern auch den traditionellen Ansätzen den Zugang zu den neuen Technologien und den sich in der Folge herausbildenden Methodologien bzw. den mit ihrer Hilfe erhobenen Daten und den daraus abgeleiteten Erkenntnissen erschwerten.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich diese Erkenntnis auch bei denjenigen durchsetzt, die über die Relevanz von Fachgebieten und Studiengängen in der Informationsgesellschaft beschließen und sie endlich auf eine Integrierung von Informatik und Philologien hinzielen, damit sie nicht bald schon feststellen müssen, dass zwar mächtige Technologien existieren und viele Informatiker(innen) vorhanden sind, zu wenige aber die sprachlichen und kulturellen Inhalte kennen, auf die sie auch unter ökonomischen Gesichtspunkten anzuwenden sind.


 

Anmerkungen

 

(1) Auf den WWW-Seiten von SILFI 2000 gibt es jetzt eine photographische Nachlese zum Kongress.

(2) Einen Einblick in dieses Bestreben geben die Internetseiten der Duisburger Italianistik

(3) Behandelt wurden u.a. die Digitalisierung von Sprechaufnahmen und von bisher in schriftlicher Form vorliegenden Korpora, Erstellung von Korpora gesprochener Medien, Anreicherung der Korpora mit Markup, computergestützte Korpusanalysen etc.


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